Rocco will in den Bericht, E 605 macht aggressiv und an der Arbeit denkt jeder, ich hätte sie nicht alle


Da uns ca. 45 Stunden Busfahrt, incl 18 Stunden Fahrt über polnische Landstraßen noch lange nicht genug waren, trafen wir uns einen Tag vorm Viertelfinale gegen Griechenland wieder in Kirchheim, wo wir uns mit den Freunden des Fußballs Hessen trafen, um uns Richtung Danzig aufzumachen, dieses Mal allerdings mit Zwischenhalt in Posen – doch hierzu später mehr. An dieser Stelle auch mal ein Danke, an meine Freunde, Verwandten und Bekannten, die Marco und mich immer zu den unmöglichsten Zeiten nach Kirchheim brachten und uns von dort abholten.

Nach einem ordentlichen Frühstück in einem amerikanischen Schnellrestaurant und dem Verzehr eines ersten gut gekühlten Getränkes, fuhr gegen 09.00 Uhr auch schon unser Bus vor. Dieses Mal gelenkt von Peter, den wir schon von der ersten Tour kannten und „Schorsch“. Die Hälfte der Teilnehmer war uns bereits von der Lemberg Tour bekannt. Diese Mal war neben den altbekannten Gesichtern von Harald, Carsten, Helmut und Co endlich auch wieder Jürgen dabei. Allerdings wurden wir von Carsten vorgewarnt, der meinte, dass Jürgen schon wieder zu viel Cola getrunken habe und aggressiv sei. Wir philosophierten, dass dies nur an dem E 150 (oder was auch immer) in der Cola liegen könne. Jedenfalls trank er fortan rigoros nur noch Wasser, was doch zu einer merklichen Ausgeglichenheit führte. :-) Da Heiko immer noch in der Probezeit ist (wer nimmt schon einen neuen Job kurz vor der EM an???), wurden wir zunächst wieder von Ansgar betreut. Ihm standen dieses Mal Thomas und Rocco zur Seite. Apropos Rocco: Dieser probierte dieses Mal wirklich alles, um im Bericht erwähnt zu werden. Glückwunsch: Du hast es bereits im 2. Absatz geschafft

Nachdem wir noch 2 freie Plätze im Bus ergattern konnten, verlief die Fahrt sehr reibungslos. Natürlich war nicht nur das anstehende Spiel gegen Griechenland ein Thema, sondern meine Mitfahrer dachten schon etwas weiter. Insbesondere Carsten übte starken Druck auf mich aus, was ein mögliches Halbfinale betraf. Es ergab sich folgender Dialog: Carsten: „Andi, in Warschau bist du doch dabei?!?!?“ Antwort: „Leider eher nein!“ Carsten: „Mal ehrlich, an der Arbeit denken doch eh schon alle, wir hätten sie nicht alle!“ Selbst dieses Totschlagargument konnte mich aber bis zum Ende des Trips nicht überzeugen mit nach Warschau zu fahren, da ich diese Mal alle meine Hoffnungen darauf lege, beim Finale dabei sein zu können und es ohnehin schwer genug ist, den gesamten Urlaub so koordiniert zu bekommen, dass er mit dem Spielplan konform geht. Die weitere Zeit wurde mit Karten zocken, würfeln, mehr oder weniger hochqualitativen Gesprächen und dem Lesen von Zeitschriften (sogar der Spiegel wurde bei den ach so blöden Fußballfans entdeckt!) verbracht. Nachdem es auf den deutschen Autobahnen reibungslos lief, erreichten wir gegen 17.30 Uhr die deutsch-polnische Grenze. Wie nicht anders zu erwarten durften wir nicht unkontrolliert passieren, sondern mussten die Kontrolle über uns ergehen lassen. Dies dauerte allerdings auch nicht so lange wie befürchtet und nach ca. 20 Minuten ging es weiter. Für große Erheiterung sorgte bei uns die Tatsache, dass der Skispringer Adam Malysz im Sommer offensichtlich als Grenzbeamter tätig ist…

Da auch die Autobahn von Frankfurt/Oder nach Posen sehr gut ausgebaut ist, erreichten wir gegen 20.30 Uhr bereits unser Etappenziel für diesen Tag: Das Mercure Hotel in Posen. Bereits beim Check Inn hatten wir das Gefühl, hier wollte jemand etwas gutmachen. Hatten wir in Lemberg noch mit nicht funktionierenden Boilern in der Dusche und weiteren Unzulänglichkeiten zu kämpfen, fanden wir hier mehr oder weniger eine Luxusherberge, dazu noch in zentraler Lage, vor. Eigentlich fast zu schade, hier nur eine Nacht verbringen zu dürfen… Der Abend wurd auf unterschiedlichste Art und Weise verbracht. Während es einige Mitreisende in die Innenstadt von Posen zog (incl. der mittlerweile üblichen Geschichten wie Portemonnaie verschwinden, Leute verlieren etc.) entschieden wir uns dafür, dass erste Viertelfinale an der Hotelbar zu sehen, was bekanntlich durch Ronaldo entschieden wurde und Portugal den Einzug ins Halbfinale sicherte. Allein der Torschütze genügte, um heftigste Diskussionen auszulösen, ob er nun „einfach nur ein Arschloch!“, „einfach nur geil!“ oder sogar Beides ist!? Das Einzige, was uns noch fehlte, war noch das Passwort für den W-Lan-Anschluss. Und spätestens hier hat sich Rocco die Erwähnung verdient, da er dieses Problem auf Nachfrage sofort beseitigen konnte.

Nachdem wir noch einige elektrolytische Getränke zu uns nahmen, zog es uns dann irgendwann doch ins Bett, zumal wir relativ früh aufstehen mussten, um die letzten 300 Kilometer nach Danzig in Angriff nehmen zu können. Nach gutem Frühstück und „einem Nusstörtchen“ für Jürgen, wollten wir um 8.30 Uhr in Posen wegfahren, was (natürlich) nicht geklappt hat, da wieder Mitreisende verschliefen oder einfach nur vergaßen, den Verzehr aus der Minibar zu bezahlen. Gegen 8.55 Uhr konnten wir dnn aber doch endlich Richtung Danzig aufbrechen. Dass wir dieses Mal „nur“ 200 Kilometer auf Landstraßen verbringen mussten und die letzten 100 Kilometer mit der Autobahn erschlossen sind, machte Mut, nicht allzu viel Zeit im Bus verbringen zu müssen. Grundsätzlich sind die Bundesstraßen in Nordpolen zwar besser ausgebaut, wie kurz vor der Ukraine, trotzdem brauchten wir auch hier wieder ca. dreieinhalb Stunden, bis wir endlich die Autobahn erreichten. Besonders abenteuerlich war vor allem, dass Unterqueren einer 3,80 Meter hohen Brücke, die „plötzlich“ vor uns auftauchte. Aber auch diese brenzlige Situation wurde von unseren Fahrern gemeistert. Nachdem uns Patrick noch mit Schokobrötchen zum Mittagessen versorgte, erreichten wir gut gestärkt gegen 14.15 Uhr unseren Spielort Danzig. Danzig soll eine wunderschöne Altstadt haben. Diese ließen wir allerdings hinter uns liegen, um den Fan-Treff an der Danziger Werft auszusuchen.

Zwar befand man sich hier auf historischem Boden (von hier ging Anfang der 80er Jahre die Solidarnosc-Bewegung aus, die maßgeblich zum Ende des Ostblocks beitrug), aber im Nieselregen wirkte die dort aufgebaute Zeltstadt doch etwas trostlos. Nachdem man kurz am Fanclub-Zelt vorbeischaute, wollten wir uns zunächst unsere Tickets holen, um dann noch einmal in der Altstadt vorbeizuschauen. Dies sollte sich als typischer Fall von „Denkste“! Nachdem wir zweieinhalb Kilometer Fußmarsch über eine „gelbe Brücke“ und durch einen Park hinter uns brachten, kamen wir endlich an der Baltic Opera an, wo sich die Voucher-Umtauschstelle befand. Blöderweise hatten wir uns jetzt schon 2,5 Kilometer von der Altstadt in Richtung Stadion entfernt, was in uns die Entscheidung reifen ließ, lieber eine Gaststätte vor Ort aufzusuchen und auf den Altstadt-Besuch zu verzichten. Kulinarisch kamen wir auch hier auf unsere Kosten. Das Bier kostete uns umgerechnet 2 € und einen Hotdog konnte man bereits für 40 Cent erwerben. So gestärkt nahmen wir dann noch die letzten 2 Kilometer zum Stadion in Angriff.

Nach gut einer halben Stunde Fußmarsch im Nieselregen kamen wir auch an. Das Stadion war einigen bereits vom Testkick aus dem letzten September bekannt und erinnerte von der Form an das Stadion in München und die goldgelbe Farbe erinnert an die Bernsteine der Region. Im Stadion selbst herrschte dann die erwartete Überzahl an deutschen Fans. Allerdings waren hier auch viele der gefürchteten Touristen dabei (wobei ich hier sicher nicht die Sitznachbarn von Carsten und mir meine, obwohl diese Burschen sich auch gefürchtet waren – wenn auch auf andere Art und Weise. ;-) Wer in unserer Nähe war weiß, was gemeint ist…). Nichtsdestotrotz war die Stimmung immer noch besser, als bei jedem Heimspiel, wenn vielleicht auch nicht ganz so gut, wie vorher in der Ukraine. Trotz einer Vielzahl deutscher Fans, einiger Griechen und jede Menge Polen, war das Stadion bei weitem nicht ausverkauft, was wohl auch damit zusammenhing, dass einige Polen wohl darauf gehofft hatten, ihr Team sehen zu können, es dann aber vorzogen zu Hause zu bleiben. Das Spiel selbst war dann genau so, wie alle erhofft bzw. befürchtet hatten. Nach der Umstellung der kompletten Offensive belagerten wir förmlich das griechische Tor und die ersten 38 Minuten waren „ein Warten auf das 1-0“, was uns Philipp Lahm dann endlich bescherte. Mit dem viel zu niedrigen Ergebnis ging es dann in die Pause, in der ich auf Heiko traf, der uns nachgeflogen war. Wir waren uns einig, hier einem „öffentlichen Training“ der Nationalmannschaft beizuwohnen. Auch die deutschen Fans waren bester Laune und man verhöhnte bereits (vorschnell) den Gegner. Recht witzig war hierbei der Gesang darüber, wer die Tickets der Hellen bezahlt hat.

Blöderweise wollten die Griechen dann doch am Spiel teilnehmen und so fiel nach einem katastrophalen Fehlpass von Schürrle und nach einem Konter (bei 1-0 Führung…) der völlig überraschende Ausgleich. Im Nachhinein hätte ich in diesem Moment gern Mal mein Gesicht gesehen. Kurze Zeit später korrigierten dann Sami Kedhira und Miro Klose dieses „Missgeschick“ und spätestens nach dem 4-1 durch einen Reus Knaller unter die Latte war Party angesagt, daran änderte auch der unberechtigte Elfer in der letzten Minute nichts mehr. Dass die Party etwas verhaltener ausfiel, lag wohl daran, dass viele der besagten Touristen vor Ort waren und das Ergebnis bzw. das Weiterkommen mehr oder weniger vorher erwartet wurde. Erst beim Weg aus dem Stadion wurde die Stimmung dann etwas ausgelassener. Die Frage, die sich mir gerade in den letzten 10 Minuten stellte, was hier wohl losgewesen wäre, wenn es gegen die Polen als Gastgeber gegangen wäre… Jedenfalls sorgten deren Anhänger immer wieder durch lautstarke Gesänge für ordentlich Stimmung.

Da wir die Ruhezeiten der Fahrer einhalten mussten verzögerte sich unsere Abfahrt dann bis 0.15 Uhr. Erneut standen uns zunächst ca. 250 Kilometer Landstraße bis Stettin bevor. Nach dem Genuss von 3 weiteren Getränken bevorzugte ich es dann etwas zu schlafen, was einem auf solchen Holperstrecken im Bus erst einmal gelingen muss. Deshalb zogen es meine Sitznachbarn Thomas und Werner auch erst einmal vor, diverse Onkelz-Konzerte zu analysieren. Zwangsläufig stellte sich uns hierbei die Frage, was aus dem Klassiker „Mexiko“ geworden wäre, wenn die WM 1986 tatsächlich in Kolumbien stattgefunden hätte?!? ;-) Leider fanden wir auf diese Frage in dieser Nacht auch keine Antwort mehr. Gegen 6.00 Uhr morgens erreichten wir dann endlich die Autobahn (die uns allerdings trotzdem gewaltig durchschüttelte) kurz vor Stettin und wir nahmen die letzten 700 Kilometer in Angriff. Ansgar erklärte mir dann auch, warum es definitiv besser war, zu schlafen. Anscheinend hatte er immer etwas Angst, irgendwelche Tiere könnten überraschend auf die Straße springen. Auf den letzten Kilometern kam es zu keinerlei berichtenswerten Zwischenfällen mehr, so dass wir gegen 14.15 Uhr wieder in Kirchheim ankamen.

Fazit: Eine Runde weiter gegen die „Pleite-Griechen“ (welch bescheuertes Wortspiel der Bild-Zeitung), Mal wieder 28 Stunden mit netten Menschen im Bus verbracht, auf Warschau (vorerst) verzichtet und das Finale (zumindest im Geiste) gebucht, sowie die Erkenntnis, das E 150 wohl wirklich aggressiv macht…