Nur noch 300 Kilometer bis Lemberg…


Seit dem Ausscheiden gegen Spanien bei der letzten WM habe ich auf diesen Tag hingefiebert und an Fronleichnam war es endlich soweit: Die „Freunde des Fußballs Hessen“ Tour nach Lemberg konnte starten. Dass es sich bei dem Abfahrtstag um einen Feiertag handelte, erwies sich dabei nicht gerade als Vorteil, denn fatalerweise ließ ich mich nachmittags noch zu einer kurzen Wanderung incl. Kneipeneinkehr von meinen Kumpels überreden. Diese ließ ich dann um 19.30 Uhr allein und schaffte gerade noch rechtzeitig den Absprung. Nur so viel: Diese kamen uns bei der Abfahrt nach Kirchheim, wo unsere Reisegruppe uns freundlicherweise abholte, ziemlich angeschlagen entgegen. Nach einer letzten Stärkung im Restaurant unseres Vertrauens rollte gegen 0.40 auch der Bus, der uns nun die 1.150 Kilometer nach Lemberg bringen sollte vor.

Erfreut stellte ich fest, dass einige bekannte Gesichter dabei waren, so dass gesichert war, dass dies sicher eine unterhaltsame Fahrt werden sollte. Als ich sah, dass „der Peter und der Jürgen“ uns fahren würden, war ich erleichtert, da man mit diesen beiden schon einige Touren „gemeistert“ hatte. Nach dem Genuss einiger gekühlter Getränke, machten wir um 4.00 Uhr bei Chemnitz die erste Rast, wo wir es gleich Mal mit einer sagen wir Mal „äußerst engagierten“ Raststättenmitarbeiterin zu tun bekamen, die einfach nicht einsehen wollte, dass es schneller geht, wenn 40 Männer gleichzeitig an den nächsten Baum, anstatt auf die nächstgelegene Toilette zu gehen. Aber diese erste Hürde konnten wir locker meistern und so erreichten wir ohne weitere Zwischenfälle gegen 6.00 Uhr die deutsch-polnische Grenze. Auch den Besuch der ersten Raststätte „überlebten“ wir, ohne Problem, sehr zur Verwunderung meines Vaters, der davon ausging, dass „nach 2 Kilometern in Polen sowieso alles vorbei ist…“ Ohne weitere Zwischenfälle verliefen auch die nächsten 2 Pausen in Polen. Erfreut stellten Carsten und ich immer wieder fest, dass an jeder Raststätte freies W-Lan verfügbar war, was zu äußerst kuriosen Szenen führte. So versammelten sich bei unserem dritten Stopp gleich 5 Leute um eine Mülltonne, um gemeinsam die ersten Erlebnisse an die Heimat posten zu können. Und bis auf die Tatsache, dass es mit der Beschaffung der Mautvignette etwas länger dauerte, rollte es richtig gut.

Gegen 13.30 Uhr fuhren wir in an der Raststätte kurz hinter Krakau weiter. Von dort aus waren es nur noch ca. 300 Kilometer bis Lemberg, was Ansgar zu der gewagten Prognose hinreißen ließ, dass wir wohl das Eröffnungsspiel noch auf der Fanmeile in Lemberg sehen würden. Allen Horrormeldungen bezüglich der nun folgenden Straßen in Richtung Lemberg zum Trotz teilten wir diesen Optimismus. „Bislang war doch alles gut und irgendwie werden die das Problem schon gelöst haben“ war die allgemeine optimistische Grundstimmung. Knappe 8 Stunden, 300 Kilometer und gefühlte 27 Folgen von „Two an a half men“ später waren wir eines Besseren belehrt… Einige sprachen sogar von der „Hölle von Ostpolen“, grundsätzlich war man sich jedenfalls einig, dass das der „Wahnsinn“ war. Als wir um 18.45 Uhr endlich die polnisch-ukrainische Grenze erreichten, war beim Eröffnungsspiel jedenfalls schon Halbzeit, während wir noch über 2 Stunden Fahrt vor uns hatten und uns nicht auf der Fanmeile in Lemberg befanden. Die Abfertigung unseres Busses an der Grenze nahm rund 45 Minuten in Anspruch, was ich anhand des vorhandenen Grenzstaus als erfreulich empfand. Allerdings möchte ich mir nicht vorstellen, wie lange wir hätten warten müssen, wenn nicht nur wir, sondern 8 weitere Busse gleichzeitig hätten einreisen wollen. So oder so kamen wir nach 20 Stunden Fahrzeit um 22.00 Uhr Ortszeit (21.00 Uhr MESZ) endlich an unserer Unterkunft an.

Wie in so vielen Städten des ehemaligen Ostblocks gab es auch in Lemberg dies typisch-kommunistischen Wohnsilos, wo man schon beim Anblick Mitleid mit den dort lebenden Menschen bekommt und man sich immer darum sorgen muss, dass nicht gleich ganze Häuserwände herabstürzen. Auch die Straßenverhältnisse in Lemberg waren so, wie man es sich in seinen schlimmsten Alpträumen ausmalte: „Loch an Loch und halten tut es doch!“ – dieser Spruch ging spontan durch meinen Kopf. Unsere Unterkunft, dass Studentenwohnheim der Universität Lemberg, machte da keine Ausnahme und ich versuchte mir immer vorzustellen, wie es ist, hier zu studieren. Und auch mit noch so großer Phantasie konnte und wollte ich mir das nicht ausmalen.

Nach etwas Konfusion waren dann endlich alle Zimmer aufgeteilt und Marco und ich hatten das Vergnügen unser Zimmer mit Werner und Florian teilen zu dürfen, was aber allen Beteiligten nichts ausmachte. Im Gegenteil: Wieder nette Bekanntschaften gemacht und ich freue mich schon wieder auf die nächsten Touren mit den Jungs. Unsere Nachbarin war unsere gute Brigitte, die die Exklusivität eines Einzelzimmers nutzen konnte. Aber weiter zur Ausstattung unserer Unterkunft: Die „neue“ Bettwäsche hatte wirklich guten, alten 70er Jahre Charme, die Innenausstattung entsprach all dem, was man beim Anblick von außen so erwartet hatte. Und zu unserem „großen Glück“ war auch noch der Boiler unserer Dusche kaputt, wobei wir bis zum Schluss den Verdacht nicht los wurden, dass vielleicht doch Brigitte immer das ganze warme Wasser aufgebraucht hat, was diese immer wieder vehement bestritt… ;-) All das konnte uns jedenfalls nichts anhaben und wir hatten einfach nur Spaß. Andererseits wollen wir auch gar nicht wissen, was man für diese Unterkunft noch pro Nacht auf den Tisch legen musste.

Nach Bezug der Zimmer machten wir uns noch einmal auf dem Weg in die Stadt. Nachdem Heinz mir eine Karte gegeben hat, ich diese eine Minute studiert habe, war allen in unserer Gruppe klar, wer die jetzt anstehende Tour in die Altstadt von Lemberg anführen würde. Ich glaube, ich hätte sonstwo hinlaufen können und jeder, aber wirklich jeder, wäre mir gefolgt. Allerdings führte uns unser Weg nicht „sonstwo“ hin, sondern in das Brauhaus „Mons Pius“, wo wir dann doch noch in den Genuss des Eröffnungsspiels und der ersten Halbzeit von Tschechien gegen Russland kamen. Bereits auf dem Weg dorthin stellten wir trotz Dunkelheit fest, dass die Innenstadt von Lemberg ihren Charme hat und zu Recht zum Unesco Weltkulturerbe zählt. Die Preise in der Kneipe waren zwar nicht die ortsüblichen, aber für uns Westeuropäer doch noch erfreulich günstig und wir ließen dort den Abend ausklingen. (PS: Übrigens gab es auch im gesamten Innenstadtbereich von Lemberg „Free W-Lan“. Hierfür gibts defintiv einen Daumen hoch!) Erfreulich war auch, dass uns ohne Murren ach nachts um 2 noch ganze Mahlzeiten kredenzt worden. Ich stelle mir gerade wieder den Anblick der einheimischen Wirte vor, wenn man nach 21.00 Uhr noch nach etwas Warmen zum Essen fragt. So gestärkt konnten wir die erste Nacht im Studentenwohnheim angehen. Diese war ohnehin bereits nach 3 Stunden vorbei und es folgte das, aus den o.g. Gründen, kalte Erwachen.

Nach der „Eisdusche“ machten wir uns auf in die nächste Lokalität, um zu frühstücken. Für ganze 3 € bekamen wir ein komplettes Frühstück (Schoko-Crepes+Rührei mit Speck) incl. Kaffee, was zudem noch richtig lecker schmeckte. So gestärkt konnten wir den Tag angehen. Zunächst war ein kleiner Stadtrundgang geplant, der von Ansgar angeführt wurde. Schnell mussten wir feststellen, dass es erhebliche Qualitätsunterschiede bei den fanclubinternen Stadtführern gab… ;-) Erst als wir damit „drohten“, gleich „die nächste Kneipe“ anzusteuern, riss sich unser Fanbetreuer endlich zusammen. Über die Fanmeile ging es zur Unterkunft des Fanclub Nationalmannschaft am „Potocki Palast“. Bei aller, zum Teil auch berechtigten, Kritik am Fanclub, muss man sagen, dass auch hier, wie schon bei den letzten großen Turnieren richtig was auf die Beine gestellt wurde. Nach dem Genuss von 8-10 „ersten Bieren“ (Achtung: Insider) und dem Feiern von „Vize Marco“, der gleich zwei Mal knapp am Gewinn eines Deutschland-Trikots vorbeischrammte, begaben wir uns dann zurück in die Innenstadt von Lemberg, wo wir nochmal auf die Fanmeile wollten.

Leider folgte nun das unschöne Kapitel der Fahrt. Nachdem wir im ersten Restaurant nichts zu essen bekamen („Sorry, the kitchen is cold now“), begaben wir uns in das McDonalds Lemberg. Diese Entscheidung sollte sich kurz darauf als fatal erweisen, denn kurz darauf wurde Marco das Portemonnaie geklaut. Als wäre das nicht schlimm genug, mussten wir anschließend feststellen, dass dieses Land offenbar wirklich nicht bereit ist, so ein großes internationales Turnier auszurichten. Weder Sicherheitskräfte, noch Polizei wollten oder konnten uns helfen. Lediglich ein Visitenkarte mit einer vermeintlichen „Hilfshotline“ wurde uns in die Hände gedrückt. Um es kurz zu machen: Außer, dass dieser Anruf bei der nächsten Handyrechnung voll reinschlagen wird, brachte dieser Anruf nichts. Erst die „KOS“ konnte uns weiterhelfen und empfahl uns, das deutsche Konsulat aufzusuchen, wo uns dann endlich geholfen wurde. An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön. Als wir geklärt hatten, dass Ansgar noch eine Karte übrig hatte, keine Bankkarten geklaut waren und wir es bis zum Anpfiff noch rechtzeitig schaffen würden, stieg unsere Laune wieder. Die Busfahrt zum Stadion erwies sich dann allerdings wieder als „abenteuerlich“. Nachdem der erste Bus auf halber Strecke den Geist aufgab, hieß es für alle Beteiligten: „Umsteigen!“ Fatalerweise fing es genau in dem Moment an, wie aus Kübeln zu schütten und wir wurden zu allem Ärger auch noch pitschnass. Nachdem der Defekt am 2. Bus direkt sehr unkonventionell repariert werden konnte, kamen wir doch irgendwann am Stadion an.

Leider bestätigten sich auch dort alle Bedenken aus dem Vorfeld. Das Stadion selbst ließ keine Wünsche offen, allerdings glich das gesamte Umfeld eher einer Mondlandschaft, als einem Stadion mit guter Infrastruktur. Parkplätze suchte man jedenfalls vergeblich und vieles schien einfach nicht rechtzeitig fertig geworden zu sein und wurde so belassen, wie es sich am letzten Arbeitstag ergeben hatte. Trotzdem stieg jetzt unsere Vorfreude von Minute zu Minute und die Niederlage Hollands wurde ebenfalls wohlwollend zur Kenntnis genommen. Nach dem Anpfiff machte sich allerdings auf dem Spielfeld und auf den Rängen mit jeder weiteren Minute Spielzeit mehr und mehr Ernüchterung breit. Das deutsche Spiel und die Stimmung auf den Rängen wollten einfach nicht so richtig in Gang kommen. Erst als sich die portugiesischen Spieler bei einer Ecke regelrecht lächerlich machten, als sie bemerkten, dass sie mit gefährlichen Wurfgeschossen beworfen werden, kam etwas Stimmung in die Bude. Außer einem nicht gegebenen Tor von Gomez (wer erklärt diesem Schiri Mal die Vorteils Regel???????) und einem Lattenknaller von Pepe, der Gott sei Dank auf und nicht hinter die Linie sprang, tat sich nicht mehr viel. Leider ging das in der 2. Hälfte so weiter, bis wir deutsche Fans die Sache endlich in die Hand nahmen und ein feines Gespür zeigten. Gerade in der Phase, wo bei jedem Heimspiel erste Pfiffe gekommen wären, legten wir los. 15 Minuten Dauergesang der deutschen Kurve führten dann endlich zu dem, was sich alle so sehr herbeisehnten: Dem 1-0 für Deutschland durch Mario Gomez. Ich weiß nicht, ob es allein unser Gesang war oder ob nicht doch Marco den Ball verhext hat, als er ihn nach einem Fehlschuss in den Händen hielt. Jedenfalls hatten wir alle das Gefühl ein Stück weit zu dem Tor beigetragen zu haben. Mit Glück, Geschick und Manuel Neuer brachten wir das Ergebnis dann auch irgendwie über die Zeit und der erste Dreier dieser Euro war geschafft, was allerdings mehr Erleichterung, statt totaler Euphorie auslöste.

Nachdem wir noch 0,5er Cola für 1,40 € (im Stadion!) zu uns genommen hatten, stand noch die Rückfahrt in die Stadt bevor. Mit einer gewissen Skepsis, wie denn 33.000 Leute nur mit Bussen wieder in die Stadt geschafft werden sollen, begaben wir uns auf den Rückweg und hatten hier das notwendige Glück. Nachdem wir ein paarhundert Meter an wartenden Fans vorbeigelaufen waren, hielt direkt vor uns ein leerer Bus an, der uns direkt Zustieg gewährte und in die Stadt brachte. Unser Weg führte uns dort wieder ins „Mons Pius“, wo wir noch das ein oder andere Getränk zu uns nahmen und ich noch die erfreuliche Mitteilung erhielt, dass unsere 2. Mannschaft im entscheidenden Spiel in der 95. Minute den Klassenerhalt geschafft hatte. Als wir gegen 3.30 rausgekehrt wurden, wollten wir eigentlich zurück in die Unterkunft, entschieden uns dann aber doch noch dafür, einen Absacker in einer Kneipe am Marktplatz zu uns zu nehmen. Was sich dort abspielte, muss man erlebt haben: Morgens um 4.30 Uhr feierten Deutsche und Ukrainer eine fröhlich Party, die in lautstarkem Gesang Ausdruck fand. Gegen 5.20 Uhr lagen aber selbst wir dann im Bett und nach erneut eiskaltem Duschen, Klamotten packen und Frühstück ging es auf den Heimweg.

Hier waren wir recht optimistisch, dass wir keinesfalls wieder 8 Stunden bis Krakau brauchen würden. Unser Optimismus wurde gesteigert, als wir an der Grenze in 30 Minuten abgefertigt wurden und die Wartezeit sogar mit einer Pause verbinden konnten. Die ersten 50 Kilometer in Polen vergingen dann auch wie im Fluge, doch weitere 7 Stunden später waren wir erneut eines Besseren belehrt. Ich empfand das als so schlimm, dass ich mich dabei erwischte, wie ich bei der Autobahnauffahrt in Krakau (850 Kilometer von Kirchheim entfernt) dachte: „Gott sei Dank sind wir gleich zu Hause!“ Aber immer noch ließen wir uns den Spaß nicht nehmen und ich kann mich nicht erinnern, dass wir auf einer Heimfahrt Mal so viel Spaß hatten, wie ich an diesem Abend mit Helmut (ich kenne niemanden, der so viele Stories von diversen Sportevents zu berichten weiß…), Harald, Carsten und Frank. Und so verging die Zeit bis Kirchheim (sicher auch Dank der Zunahme einiger Kaltgetränke) wirklich wie im Flug, was auch wieder an den fahrerischen Qualitäten von Peter und Jürgen lag. Ein riesiges „Danke“ an euch! Gegen 6.15 erreichten wir dann Kirchheim, wo wir den Rest der Gruppe verließen, die aber auch die restlichen 150 Kilometer bis Frankfurt noch souverän hinter sich brachten.

Unterm Strich stand eine Hammertour mit Klasse Leuten und einem Auftaktsieg unserer Jungs. Was will man eigentlich mehr? Ein großes Dankeschön an ALLE Beteiligten, die zum Gelingen dieser tollen Fahrt beigetragen haben. Ich freue mich jetzt schon darauf, weitere Touren mit euch machen zu dürfen. Leider kann ich erst wieder zum Viertelfinale mitfahren. Vielleicht sieht man ja den ein oder Anderen bereits nächste Woche wieder!?